Manincor

Zeitläufe - Manincor

Von den Anfängen der Weinwirtschaft am Kalterer See.

Manincor heißt: Herz in der Hand (Hand aufs Herz). Das redende Wappen, das einen aufrechten Arm mit dem Herz in der Hand zeigt, ist seit 1528 altes heraldisches Zeichen der in Casez am Nonsberg beheimateten Juristenfamilie Manincor.

Als Kaiser Rudolph II. 1586 die Brüder Hieronymus, Anton, Zyprian und Johann Baptist und deren Vettern in den Adelsstand erhob, hatten einige davon bereits Karriere gemacht. Hieronymus war Brixner Hofrat. Die Nobilitierung galt letztlich als der entscheidende Schritt in Richtung gesellschaftlicher Etablierung. Denn der tüchtige Hieronymus, seines Zeichens in Bologna ausgebildeter und 1577 promovierter Jurist, sammelte erste Berufserfahrungen in Speyer. Von dort aus wurde er dem Brixner Bischof Johann Thomas von Spaur empfohlen, der ihn 1581 in das Brixnerische Veldes schickte, um die nach dem Amtsantritt geschuldete Erbhuldigung entgegenzunehmen. 1588 ernannte ihn der Bischof zum Hofrat. Ganz im Sinne einer militanten Gegenreformation bekämpfte er nun in Veldes Angehörige des Luthertums und machte sich so beim Fürstbischof beliebt. Später war er Geheimer Rat von Erzherzog Maximilian III. dem Deutschmeister.

Hieronymus Manincor, er verschied 1616, ist letztlich der Begründer der heutigen Hofanlage. 1607 ersuchte er den Landesfürsten Maximilian III. um die „Erhebung dieses Grundes mit Haus und Hofstatt zu einem adelichen Sitz mit Namen Ernhausen“. Das Prädikat „von Ehrenhausen“ ging in der Folge auf den Ansitz über, dessen Grund 1608 „gefreit“ wurde. Gefreit zu sein, bedeutete die Befreiung von Steuern, was als Prämie entgangener Amtsentschädigungen verstanden wurde. Zum Bau des Ansitzes und des getrennt davon hochgezogenen Wirtschaftsgebäudes mit Ställen im Erdgeschoss, einer gewölbten Loggia zu ebener Erde und einem darunterliegenden Keller war es in den Jahren nach 1608 gekommen. Anstelle des wuchernden „Pauwaldes“, der mit den heutigen Ölleiten zu identifizieren ist, legte Hieronymus fruchtbare Weingärten an. Der Hof war in seiner damaligen Größe entstanden. Für die alte Weingegend um den Kalterer See bedeutete dies letztlich einen weiteren Schritt in Richtung einer prosperierenden und somit wirtschaftlich begründeten Weinkultur, die in der raschen Errichtung von Wirtschaftsgebäuden und adeliger Landdomizile die nötige Infrastruktur fand.

Repräsentation und Behaglichkeit. In der baulichen Aufgabe des Anwesens musste die goldene Mitte zwischen einer auf Repräsentation angelegten Adelsbehausung und einem auf wirtschaftliche Funktionalität bedachten Weinhof gefunden werden. Vergangene Jahrhunderte haben das bewahrt, was im Laufe der Zeit als ein lebendiger Organismus in Stein gesetzt wurde. Die Ansprüche des zweigeschossigen Herrenhauses erlauben in ihrer Raumaufteilung gediegenes Wohnen. Der Luxus der Zeit zeigt sich in den thermisch vermittelnden größeren Sälen, von denen aus sich in paralleler Anordnung die Wohnräume erschließen. Türen sind mit Steinrahmen eingefasst, erst im 19. Jahrhundert hatte man die Türblätter auch mit lustigen Landschaften und Genreszenen bemalt, die Besitzungen der späteren Besitzer von Schasser anzeigen, aber auch Stillleben beinhalten. Alle fassadenwirksamen Fenster und liegenden Ochsenaugen weisen Sandsteinrahmen auf. Ochsenaugen beleuchten auch das enge Stiegenhaus, das hier seitlich der Säle zu den Etagen führt. Die beiden Säulen seitlich des bescheidenen Eingangs sind um 1530 entstanden und stehen hier in Zweitverwendung. Das verbesserte, d.h. durch das Wappen der Cillà angereicherte heraldische Familienemblem der Manincor über dem Eingang zeugt noch vom genealogischen Selbstverständnis früherer Bewohner. In der Ausstattung wurde keineswegs Prunk geboten. Die Stubentäfelung im zweiten Stock, der als „Piano nobile“ gestaltet ist, ist einfach gehalten, ohne Intarsien und schmückende Schnitzereien. Auch ist dort der Saal mit einer Bohlendecke abgeschlossen, die Kaminrahmung trägt Rosettendekor, wie es um 1600 hart in Mode war.

Lustwandeln des Landesfürsten. Zu einer besitzmäßigen Arrondierung kam es unter Johann Georg, dem Sohn des Hieronymus. Mit einer geschickten Heiratspolitik brachte er sich in den Besitz des Ansitzes Kaltenburg, sozusagen des Nachbaranwesens. Das Überetsch, und dort besonders der Ansitz Ringberg, war so etwas wie ein geheimes Lusteldorado des Innsbrucker Hofes. Ringberg wurde für den in politischen Geschäften versagenden Hedonisten Franz Ferdinand von Tirol, missratener Sohn der Claudia de Medici und Leopld V., als Liebesnest zur Verfügung gestellt. Hier starb der verschwenderische Landesfürst an den Folgen eines Jagdunfalls, so lautete jedenfalls die offizielle Version. Man munkelt aber, dass es doch eine Geschlechtskrankheit war, die der Habsburger nicht überstand. Sein Herz fand aus Sühnegründen seine letzte Ruhe in der Franziskanerkirche von Kaltern. Dass in die Machenschaften des Franz Ferdinand sicherlich auch die hofinklinierten Adeligen der umliegenden Anwesen in Beziehung gesetzt waren, liegt auf der Hand. Somit befand sich auch Ehrenhausen für kurze Zeit in der ersten Reihe einer begehrten Günstlingsclique. In die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg fällt auch ein Konnubium, das die beiden in der Tiroler Adelsmatrikel arrivierten Familien Manincor und Enzenberg verband: 1663 wurde zwischen Maria Manincor und Christoph von Enzenberg Hochzeit gehalten. Im Stammbaum der Manincor scheinen die entsprechenden Allianzwappen auf.

Fromm als Etikette. Der östlich an den Hauptbau angefügte Kapellentrakt atmet die strenge Geistigkeit der Gegenreformation. Einen Betraum im eigenen Haus zu haben, dafür auch die kirchlichen Genehmigungen zu erheischen, entspricht den Gepflogenheiten des hoforientierten Adels im frühen 17. Jahrhundert. So nimmt es nicht wunder, dass bereits Christoph von Manincor in seinem Anwesen eine Marienkapelle einrichtete. Testamentarisch bedachte er diese Kapelle 1640 mit 20 Gulden. Der erste Bau ist heute verschollen, denn um die Mitte des 18. Jahrhunderts kam es auf Anordnung des Ignaz von Manincor zu einem Zubau, der als bekrönenden Anschluss eine kuppelartige Haube trägt. 1754 wurden die beiden Glöckchen bei Grasmair in Innsbruck gegossen, gleichzeitig entstand auch der Stuccolustroaltar. Daran prangt das gegenreformatorische Marienbild schlechthin: eine Kopie nach Lukas Cranach. Damit reihten sich die Besitzer in die schier endlose Folge politischer Höflinge ein, die dem Innsbrucker Hof zuliebe ein Kultbild bevorzugten, das Leopold V., zuvor Fürstbischof von Passau, später Ehemann der Claudia de Medici, nach Innsbruck brachte. Dass Religion im Barock keine Privatangelegenheit, sondern öffentliche Bekenntnispflicht nach sich zog, belegt der ostentativ hervorgekehrte Marienkult. Für die Fuhrleute wurde um dieselbe Zeit der straßenseitige Bildstock errichtet, ein Guckhäuschen für die Skulptur des Schmerzensmannes.

Besitzerwechsel. Manincor gelangte 1802 über die Hendl in den Besitz der Familie Schasser und Dipauli, später erwarb es die Familie Buol-Biegeleben. 1977 konnte Georg Graf Enzenberg, Onkel und Adoptivvater von Michael Graf Goëss-Enzenberg, das Anwesen von Igor Baron von Buol erwerben. Die Gründe für den Verkauf lagen im Bereich wirtschaftlicher Notwendigkeit. Graf Enzenberg gelang der Ankauf durch geschickte Vermögensumschichtungen, etwa durch einen sozial motivierten Verkauf von Pachthöfen im Ahrntal. Manincor umfasste 10 ha Rebanlagen und Wald. Mit zum neuen Erwerb ist noch die über dem Kalterer See gelegene Ruine Leuchtenburg zu rechnen, die gewissermaßen zusammen mit dem Kalterer See quasi zur Werbeikone der gesamten Weingegend avancierte. Michael Graf Goëss-Enzenberg und seine Frau Sophie haben aus Manincor wieder ein pulsierendes Weingut gemacht und in den letzten Jahren viel von der alten Bausubstanz gesichert, die alten Mauern revitalisiert und durch die Anlage eines architektonisch beeindruckenden Kellers dem Ganzen ein neues schlagendes Herz gegeben, das sie fest in Händen halten.

Zeitläufe - Folge 1: Wer schon einmal in Manincor war, dem ist der Eindruck vertraut: hier ist die Vergangenheit ein selbstverständlicher Teil der Gegenwart. Alte Mauern besänftigen auf nachdrückliche Weise den drängelnden Alltag, und wie gewisse Gene gewisse Ähnlichkeiten von einer Generation zur anderen weiterreichen, sorgen die Gerüche, Geräusche und Gänge eines Hauses dafür, dass sich die Bewegungen der Generationen nicht zu weit voneinander entfernen. Kurz: Der Ansitz Manincor ist seit jeher eine eigene, kleine Welt, die seine Menschen prägt. Die vielen unscheinbaren, oft erst auf den zweiten Blick erkennbaren Spuren erzählen von der „kleinen“ Geschichte ebenso wie von der „großen“. Leo Andergassen, Direktor des Diözesanmuseums Brixen und einer der renommierten Kunsthistoriker in Südtirol, erzählt diese Geschichte nach. In loser Folge möchten wir Ihnen damit einen Einblick in die Geschichte von Manincor, unserer Familie und deren Besitzungen geben.