Manincor

Warm

Warm.

Herbst, Rotweinzeit. Eine Empfehlung aus gegebenen Anlass. Réserve del Conte und Cassiano.

Von Kurt Höretzeder

Der Herbst sorgt für Bewegung auf dem Weingut. Wo das Jahr über für den in Manincor vorbei-kommenden Besucher eine bewundernswerte Stille herrscht (der Wein braucht die Ruhe, die täglichen Handgriffe bleiben dem Besucher als kellertechnischem Laien meist verborgen), wurlt es nun an allen Ecken und Enden: Erntezeit – und Rotweinzeit!

Nicht, dass man im Herbst keine Weißweine trinken kann oder soll (das steht natürlich jedem frei), aber mit dem Herbst beginnt eigentlich die hohe Zeit der Rotweine. Warum nur? – Viele Antworten sind möglich. Eine davon, vielleicht nicht die unwichtigste: Weil er wärmt.

Von den wärmenden Eigenschaften der Rotweine ist in den Büchern wenig die Rede, zu versteckt ist diese Wärme. Verglichen mit dem Feuer eines Destillates ist die Wärme des Weins unscheinbar.

Ein erster Schluck vom Réserve del Conte, Manincor’s rotem „Gutswein“. Er vereint die Hauptsorten des Sortiments zu einer saftigen, Wärme in den Alpen widerspiegelnden Cuveé. Merlot, Cabernet Sauvignon, dazu noch die dunkle Fruchtigkeit des Lagrein, der wichtigsten autochtonen Rebsorte Südtirols. Sein Körper und die leisen Kirschnoten geben vielleicht eine leise Ahnung von den in diesem Wein schlummernden Kräften. Aber zunächst spürt man nur wenig Wärmendes: kein augenblickliches Glühen in Hals und Bauch. Solche Weine taugen nicht fürs schnelle Aufwärmen. Zwischen der Augenblickshitze eines vorweihnachtlichen Glühweins und der Wärme, um die es hier gehen soll, liegen Welten …

In manchen, besonders warmen Regionen der Erde pflegt man, ganz entgegen unserer Gewohnheit, auch warm zu trinken. Heißer Tee in der Sahara, wie eigenartig (für uns). Aber genau so, wie hier Wärme innerlich zum Ausgleich von äußerlicher Hitze eingesetzt wird, tritt bei Rotweinen eine gewisse Kühle zum Ausgleich der Kälte an. Dieser Ausgleich braucht ein wenig Zeit. An der sollte es im Herbst nicht mangeln – zumindest wenn man den älteren Gedichten auch heute noch vertraut („…und die liebliche / Zeitlose mir am Herbsttag aufblüht“, sagt Hölderlin in seinem Gedicht An die Hoffnung). Wer einen frühfinsteren Abend mit einem süffigen Rotwein wie Réserve del Conte beginnt, wird spüren: Das tut gut – bei dem kann ich bleiben.

Weinwechsel (um sicher zu werden): Cassiano, die wichtigste rote Cuveé, ein Wein, der die Philosophie der Manincor-Weine so gut wie kein anderer ausdrückt. Die lange, 18 Monate dauernde Reifung in Barriques besänftigt das mächtige Spiel aus Aromen und Geschmäckern (Merlot, Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Syrah, Tempranillo und Petit Verdot) sanft in Richtung Eleganz. Schöner Körper, reif, lange anhaltend im Abgang. Wichtig: der Cassiano braucht Luft, insbesondere, wenn er schon in jungen Jahren getrunken wird. Ganz allmählich breitet sich das wärmende Gefühl aus. Tatsächlich: Die allen guten Rotweinen eigene, etwas distanzierende Eleganz und Kühle verwandelt sich, je tiefer sie in den Körper vordringt, nachhaltig in Wärme.

In dieser Eigenschaft liegt wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum kräftige Rotweine gut zu den für Herbst und Winter typischen Gerichten passen: Seit Alters her erfüllen sie den Zweck, den Körper mit den für diese Jahreszeiten notwendigen Elementen zu versorgen. Hirsch, Reh, Hase, Gams (generell rotes, gebratenes oder gegrilltes Fleisch) mit dunklen, gehaltvollen Saucen und ebenso kräftigen Rotweinen sind die kulinarische Begleitmusik für den Übergang vom Herbst in die langen Abende des Winters. Sie alle passen zusammen, weil sie den Menschen „wärmen“. (Die momentan hoch in Mode stehende 5-Elemente-Küche bestätigt dies: Rotweine werden dem Element „Feuer“ zugeteilt, Weißweine dem kühlenden, vegetabilen Element „Holz“).

Eine wundersame Transformation: Die Wärme der Sonne und die Kräfte des Bodens werden in den mineralischen und metallischen Energien des Weins gespeichert und setzen sich schließlich im Körper wieder frei. Und mit der Wärme auch die wehmütige (wehmütige? – na, jedenfalls) Erinnerung an die vergangene Zeit des Sommers, dessen Intensitäten so noch einmal spürbar werden. In diesem Kreislauf liegt (wahrscheinlich) auch ein sprichwörtlich „substanzieller“ Grund, warum Rotweine nicht selten Momente ausgeprägter Nachdenklichkeit und Melancholie begleiten – ein letzter Hinweis auf ihr überaus enges Naheverhältnis zu Herbst und Winter.

Der Autor ist Typograph und Gestalter in Scheffau/Tirol. Er betreut das Weingut Manincor in grafischen Fragen und trinkt gerne Wein.