Manincor

Sostenibile

Sostenibile.

atürlich nachhaltig. Zu Biodynamie, Spontanvergärung und Authentizität.

Von Lynne Sherriff, Master of Wine, Großbritannien

Ich erinnere mich daran als ob es gestern gewesen wäre. Zum ersten Mal fuhr ich über den Reschenpass in Richtung Meran; hoch über der Stadt blieb ich stehen um das atemberaubende Panorama in mich aufzunehmen: Weinberge und Obstgärten, umrahmt von majestätischen Bergen auf beiden Talseiten. Ich war eine arme Studentin der Önologie in Weinsberg. Überzeugt davon, dass hier das Paradies auf Erden sein müsste, ließ ich das auch meinen mitreisenden Studienkollegen, selbst Südtiroler, wissen. Ein überwältigendes Gefühl der Ehrfurcht und zugleich der Vertrautheit mit dieser spektakulären Naturlandschaft überkommt mich immer wieder, bei jedem Besuch in diesem Tal. Und das sind Gottseidank viele.

Bei einem köstlichen Picknick in den hügeligen Weinbergen am Kalterer See, mit einem wunderbaren Glas Wein in der Hand, taucht man ein in die Natur, und es drängt sich die Frage auf: Was tun wir in diesen prekären Zeiten, um die Umwelt für nachfolgende Generationen zu erhalten? Wie sehr sich manche Produzenten und Weinmacher mit dieser Frage beschäftigen, wurde bei einer internationalen Konferenz zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Weinindustrie 2008 in Barcelona klar. Biologische und biodynamische Produktion und die CO2-Bilanz der Wein-industrie waren zentrale Themen der Konferenz und werden auch für kritische Konsumenten immer wichtiger.

Authentizität. Keine Zeitung, kein Fernsehprogramm kommt heute ohne Beiträge über Essen, Wein, Umwelt oder Gesundheit aus. Unüberhörbar stellen auf der ganzen Welt immer mehr Weinliebhaber und Konsumenten die Gretchenfrage: Was ist mit Authentizität, was mit dem uralten Konzept des Terroir und – ja – wie schützen wir unseren Planeten und finden zurück zur Natur? Auf der Suche nach den Antworten interessiert man sich für diejenigen Produzenten, die sich von den modernen Weinbauverfahren abgewandt haben und eine tradierte Philosophie pflegen: Weinbau und -produktion als Spiegel der Kulturlandschaft. Dieser Weg ist nicht der leichteste, es gilt viele Hürden zu überwinden. Eine gehörige Portion Geduld, langfristige Visionen und großes Engagement sind Grundvoraussetzungen für nachhaltiges Wirtschaften. Den Visionären, die sich diesen Produktionsmethoden verschrieben haben, geht es um die Schaffung von Voraussetzungen für eine neu gewonnene Balance zwischen Natur, Rebstock und Wein.

Langfristig führt der Weg zu nachhaltigem Wirtschaften sehr wahrscheinlich über den biologischen und biodynamischen Weinbau. Im Weingut Manincor am Kalterer See haben Michael Graf Goëss-Enzenberg und seine Frau Gräfin Sophie 2006 mit der biodynamischen Bewirtschaftung begonnen, nachdem das Weingut seit dem Jahr 1996 revitalisiert worden war. Ihre Philosophie basiert auf der Akzeptanz der Kräfte der Natur und dem Glauben, dass die Weine von Manincor mehr Charakter und Selbstreflexion zeigen, wenn Respekt für Boden und Umwelt die Eckpfeiler in der Bearbeitung der Weinberge und bei der Weinerzeugung sind.

Lange Zeit wurden Produzenten, die nach dieser Philosophie arbeiteten, belächelt; heute studieren und praktizieren Weinbauern aus der ganzen Welt die Biodynamie, die in einfachen Worten eine weiterentwickelte Variante des Biolandbaus ist. Vieles davon entspricht dem gesunden Menschenverstand. Zum Beispiel:
– Verarbeitung von organischem Abfall zu Kompost
– Vermeidung von Landwirtschaftschemikalien
– Händisches Pflügen um oberflächliche Wurzeln zu brechen und eine tiefere Verwurzelung der Rebstöcke zu begünstigen
– Verwendung von erneuerbaren Energieressourcen, z.B. geothermische Energie und eigenes Holz für die Heizung des Weinguts
– Schaffung von Sammelbecken für Regenwasser, das im Keller verwendet wird
– Wiederaufbereitung von Gebrauchtwasser.

Spontanvergärung. Ein weiterer wichtiger – und kontrovers diskutierter – Aspekt bei der Produktion von Terroir-Weinen ist das Problemfeld Spontanvergärung versus Zusatz von Reinzuchthefen. Während eines Besuches in Neuseeland erlebte ich eine hitzige Debatte zwischen mehreren Sauvignon Blanc-Produzenten mit entgegengesetzten Standpunkten. Die Befürworter der Spontanvergärung betonten, dass das Mundgefühl ihrer Weine gegenüber den mit Reinzuchthefen inokulierten (beimpften) haushoch überlegen sei; sie beschrieben die Weine als weich, cremig und komplexer. Die höhere Komplexität könnte auf den heterogenen Charakter der natürlichen Hefeflora der Trauben zurückzuführen sein. Ihre Gegner argumentierten, dass Reinzuchthefen eine größere Auswahl an Charakteristiken und jedenfalls eine konstante Qualität bieten. Eine mögliche Lösung für den Konflikt wäre es, Trauben aus derselben Lage im Keller unter identischen Temperaturverhältnissen und Bedingungen zu vergären und anschließend bei einer Blindverkostung die Resultate zu vergleichen.

Mit dem Ideal vor Augen, den genius loci in die Weine zu bringen, wird in Manincor seit 1999 Spontanvergärung praktiziert. Außerdem werden Barriques von den Eichen des eigenen Gutshofes verwendet. Im Wein-Vokabular der Enzenbergs heißt es immer wieder pur, authentisch, fein, natürlich und charaktervoll. Logisch, dass sie sich für diesen Weg der Weinproduktion entschieden haben.

Ein sehr alter, weiser Philosoph sagte einmal: „Lerne aus der Vergangenheit darüber, was weise und bedeutend ist; darauf baue Deine Zukunft.“ Manincor hat das erkannt und verstanden und versucht getreulich, diesen Grundsatz Tag für Tag umzusetzen.

Lynne Sherriff ist als „Master of Wine“ Mitglied eines exklusiven Zirkels, dessen stellvertretende Vorsitzende sie seit September 2008 ist. Die gebürtige Südafrikanerin lebt in London. In allen Weinbaugebieten der Welt ist sie als Weinkonsulentin gefragt.