Manincor

Nachrichten aus Keller und Weinberg

Der 2012er ist im Keller.

Oder eigentlich im Fass und zum Teil auch schon in der Flasche. Der beste Moment, um ein erstes Resümee zu ziehen.

Von Helmuth Zozin, Direktor Weingut Manincor

„Gut!“, „Sehr gut!“, „Exzellent!“ – das sind die gängigen Adjektive. Man will ja nur Positives über den neuen Jahrgang sagen, und meist ist der Neue besser als sein Vorgänger.

Diese Art, einen Jahrgang zu bewerten, hat mich nie überzeugt. Naturweinen aus großen Lagen wird man damit ganz und gar nicht gerecht. Diese sind Persönlichkeiten, die in ihrem Geschmack das jeweilige Terroir im Jahresverlauf ausdrücken. Terroir bedeutet dabei das Zusammenspiel aller Faktoren, die einen Weinberg prägen. Von der Natur bestimmt sind Topografie, Geologie und Mikroklima; der Weinbauer setzt Erziehungsform, Stockdichte und Bearbeitungssystem fest. Zudem charakterisiert das Wetter den Jahresverlauf. Zusammengenommen bestimmen Wetter und Terroir die Aromapalette der Trauben und das Geschmacksbild der Weine.

2012 hatte einiges zu bieten. Das Frühjahr begann Mitte Februar mit Temperaturen von über 20°C sehr zeitig. Das erste Grün zeigte sich schon um den 25. März, so früh wie noch nie in den letzten 30 Jahren. Durch die ungewöhnlich kühlen und regenreichen Monate April und Mai war die Zeit zwischen Austrieb und Blüte mit über 60 Tagen dagegen besonders lang. Der Vorsprung war damit wieder dahin. Auch Juni und Juli waren abwechslungsreich mit relativ vielen Regentagen aber auch sommerlicher Wärme.

Die mehrwöchige Hitzeperiode mit Temperaturen bis zu 35°C im August kam zum idealen Moment, um das Wachstum konsequent abzuschließen und die Reben in eine ruhige Reifezeit zu begleiten. Mit unseren biodynamischen Präparaten konnten wir den Übergang vom Wachsen zum Reifen noch zusätzlich stimulieren.

In ihrer Grundausprägung könnte man die 2012er Weine als salzig, oder wie man heute sagt, mineralisch charakterisieren. Fruchtsüße, Säure und Bitternote, die anderen drei der vier Basisgeschmäcker, sind durchaus präsent, aber die Salzigkeit ist dominant. Die Weine präsentieren sich in der Nase durchwegs kühl und raffiniert, mit messerscharfem Profil, am Gaumen straff und kristallin, knochentrocken aber extrem saftig. Dieses Geschmacksprofil charakterisiert den Jahrgang bei Weiß und bei Rot.

Natürlich hat nicht jeder Wein dieselbe Klasse. Die Weißen sind zum Teil richtig groß, bei den Roten würde ich den Pinot Noir aus unserem besten Weinberg als groß bezeichnen. Das Herbstwetter mit vielen Regentagen ab Mitte September hat bei den spät reifenden Rotweinsorten Schwierigkeiten bereitet. Die Kombination von perfekter Aroma- und Tanninreife mit dicken knackigen Beerenhäuten, die einen wirklich großen Jahrgang auszeichnet, war nur in den absoluten Toplagen und bei bedingungslos selektiver Lese möglich.

Persönlich finde ich solche Jahrgänge besonders aufregend. Ich mag es, wenn die Weine im ersten Eindruck nicht gleich alles zeigen, wenn sie in der Frucht unaufdringlich, ja fast vornehm zurückhaltend sind. Tiefe und Dichte zeigen sich erst am Gaumen mit salziger Mineralität, die den Weinen einen brillanten Nachhall verleiht. Weine solcher Jahrgänge entwickeln sich bei uns stets fein und haben meist großes Alterungspotenzial. In der Jugend leise, reifen sie nach ein paar Jahren Flaschenlagerung zu eindrucksvoller Komplexität.

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Ich bin davon überzeugt, dass sich der Wesenszug der Jahrgänge in einem vierjährigen Rhythmus wiederholt. Unser Mentor und biodynamische Lehrmeister Andrew Lorand hat schon vor Jahren von diesem Rhythmus gesprochen. Feuerjahre mit bitterem Grundton sind zum Beispiel 2003, 2007 und 2011, Lichtjahre mit expressiver Frucht 2001, 2005 und 2009, Wasserjahre mit fordernder Säure 2002, 2006 und 2010 und Mineraljahre mit würziger Salzigkeit 2004, 2008 und eben 2012. Keine dieser Jahrgangsgruppen ist homogen. Um es musikalisch auszudrücken: Sie spielen zwar im selben Takt, aber ihre Melodie variiert. Das Terroir und der Winzer sind dabei die wesentlichen Faktoren.

Leidenschaft für Qualität und große Lagen bringen den Jahrgang authentisch und in Harmonie zum Ausdruck. Darum geht es mir. Die üblichen Bewertungsysteme spielen dabei nur noch eine untergeordnete Rolle.