Manincor

Musik und Wein

Seit tausenden von Jahren sind Musik und Wein ein Paar.

Eine Rundhörreise unter Mithilfe einer Auswahl an Weinen von Manincor.

Von Kurt Höretzeder

Am Abend den Tag vergessen, ein Glas Wein in die Hand nehmen, sich hinsetzen und die stille Lust verspüren, für sich alleine Musik zu hören – hin und wieder gelingt das ja tatsächlich. Keine Zeitung, kein Buch, nichts, was die Sinne durch die Augen ablenken könnte. Einfach genießen und hören. Ein erster kleiner Schluck, noch einer, und aus dem Hintergrund setzt sich, beiläufig und fast an der eigenen Aufmerksamkeit vorbei, im Ohr eine Textzeile aus einem Lied fest, das zufällig seinen Weg in die Playlist gefunden hat: „Ashes and wine“. Ein schöner, ruhiger Song über eine verflossene Liebe der aus den USA stammenden Sängerin und Pianistin mit Künstlernamen A Fine Frenzy. Und so entsteht die Idee: Suche doch auf iTunes, Spotify und anderen Musikplattformen nach Stücken, die „Wein“ oder „wine“ im Titel führen. Was folgt, ist eine endlose Liste …

Wein und Musik – ihre gemeinsame Geschichte beginnt schon vor tausenden von Jahren – mit Dionysos, unserem Weingott. Der trägt viele Beinamen, und einer davon ist Bromios, der „Lärmer“. Wahrscheinlich kommt dieser wenig schmeichelhafte Name von den Geräuschen, für die seine Anhänger – insbesondere Anhängerinnen, die man auch Mänaden nannte, „die Rasenden“ – bei den dionysischen Feiern berüchtigt waren. Man kann sich heute ja nur mehr schwer vorstellen, was da bei den dionysischen Feiern in den Wäldern des griechischen Erdkeises tatsächlich abging, darf aber davon ausgehen, dass die Grenzen zwischen Wein, Ekstase und Wahnsinn verschwommen waren.

Friedrich Nietzsche war ein Fan von Dionysos. In seinem Text Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik stilisierte er ihn zum großen Gegenspieler von Apollon. In Letzterem sah er den Gott des Maßes, was dem vom „Übermenschen“ fantasierenden deutschen Philosophen eher suspekt war. Er schlug sich auf die Seite der ungestümen Kräfte des Rausches – also auf jene von Dionysos. Seither markieren das Apollinische und das Dionysische – etwas verkürzt: das Rationale und das Irrationale – die beiden Pole menschlicher und ästhetischer Erkenntnis. Es gibt aber auch etwas, das Apoll und Dionysos verbindet: die Liebe zur Musik. Eine antike Schale aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert zeigt Dionysos, wie er eine Lyra spielt, von Apoll gibt es ähnliche Darstellungen. Musik trägt dazu bei, sich der Ekstase hinzugeben (dem Heraustreten des Menschen aus sich selbst), und wer sich schließlich – wie bei Dionysos üblich – enthusiastisch auch dem Wein hingibt, der trinkt dabei nicht nur den vergorenen Saft der Reben, sondern er nimmt Gott in sich auf (Enthusiasmus bedeutet „Gotterfülltheit“).

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Wein, Weib und Gesang. Ein paar tausend Jahre nach Dionysos, so um 1977, wird aus Wein, Wahnsinn und Ekstase – „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“. Ian Dury and the Blockheads gelingt mit diesem Song ein Klassiker des Rock: „Sex and drugs and rock and roll / is all my brain and body need / sex and drugs and rock and roll / is very good indeed.“ – Wer genau auf die seltsam näselnde Stimme von Dury hört, weiß, dass dieser Text genau so blöd gemeint war wie er sich anhört: Außer diesen drei Dingen gibt es natürlich noch anderes. Was aber nichts daran änderte, dass „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ bereitwillig mißverstanden wurde und zum Credo einer ganzen Abteilung populärer Musik wurde – mit allen Folgen für deren Protagonisten, die man durchaus, dem dionysischen Prinzip folgend, als späte Nachfahren der Mänaden sehen kann. In dem Song kommt explizit das Wort „Wein“ nicht vor – braucht es aber auch gar nicht, denn: „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ ist nichts anderes als eine modernisierte Variante von „Wein, Weib und Gesang“ – ein Ausspruch, der unbeglaubigten Berichten zufolge auf Martin Luther zurückgeht und mit dem später auch Johann Strauß einen seiner vielen Walzer betitelte.

Die schon bei Strauß spürbare Weinseligkeit beflügelte auch eine andere, sehr bemerkenswerte Musikrichtung: den Deutschen Schlager. Der Deutsche Schlager liebt den Wein. Und der Deutsche Schlager liebt die Liebe. Unzählige Lieder, die um diese beiden Topoi kreisen und dabei erstaunliche Dinge ans Licht bringen. 1952 etwa singt René Carol jene unsterblichen Zeilen: „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein / Laden uns ein, laden uns ein.“ Das wusste man vorher in dieser Form nicht. Auch Mireille Mathieu offenbart 1976 in einem ihrer vielen bewegenden Lieder ein tiefes Geheimnis: „Der Wein war aus Bordeaux / und sie war aus Paris / Er hat sie gleich geliebt / sie war so süß.“ – Auch das hatte so bis dahin keiner geahnt. Ebenfalls in den 1970er Jahren plädierte Demis Roussos, ganz auf Höhe der Zeit im Gefolge der 68er-Revolte, für die unbeschwerte, freie, dem Augenblick geschuldete Liebe: „Morgen kann das Blatt sich für uns wenden / Stehen wir da mit leeren Händen / Und wir sind vielleicht allein / Heute lass uns für die Liebe leben / Als wird es kein Morgen geben / Trink mit mir den Sommerwein.“ Sehr animierend. Roland Kaiser wiederum hält wacker gegen so viel Sentimentalität und zeigt Flagge: „Sieben Fässer Wein können uns nicht gefährlich sein“, bekennt er mit beschwingter Stimme und versäumt nach durchzechter Polternacht prompt seine Hochzeit, was ihm zu einer weiteren bemerkenswerten Erkenntnis verhilft: „Sieben Fässer Wein können manchmal die Rettung sein.“ So etwas leuchtet jedem richtigen Mann ein. Und schließlich hatte Udo Jürgens die Idee, vom „Griechischen Wein“ zu singen um dabei an das Schicksal von Gastarbeitern in der Fremde zu erinnern, was insofern verwegen anmutet, als die meisten, die dieses Lied hörten, hinterher nachweislich eher Durst bekamen. –

Kein Mensch weiß genau, was die Erfinder dieser Zeilen wirklich getrunken haben. Falls es tatsächlich Wein war, überwältigte sie dessen Wirkung hörbar schon vor dem Denken. Jedenfalls ist es nur schwer vorstellbar, dass bei irgendeinem dieser Lieder, hätte es sie damals schon gegeben, Weine von Manincor im Spiel gewesen wären. Wenig wahrscheinlich ist auch, dass der von Demis Roussos – einem Griechen – herbeigerufene „Sommerwein“ Dionysos oder Apollon wirklich um ihre Sinne gebracht hätte.

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Summer Wine. Viel anmutiger klingt das Thema bei Nancy Sinatra und Lee Hazlewood’s Song „Summer Wine“. Hier begegnet ein Mann einer Frau, die ihn mit einer süßen Bowle aus Erdbeeren und Kirschen verführt, ihn damit mehr oder weniger flachlegt und anschließend ausraubt: „Strawberries Cherries And An Angel’s Kiss In Spring / My Summer Wine Is Really Made From All These Things / Take Off Your Silver Spurs And Help Me Pass The Time / And I Will Give To You Summer Wine“. – Man könnte nun meinen, der „Summer Wine“ wäre diese seltsame Bowle. Wahrscheinlich aber diente – das wollen wir hier einfach mal annehmen – sie nur der Anbahnung, gefolgt vom eigentlichen „Summer Wine“, und da fällt es schon nicht mehr so schwer, sich einen Wein von Manincor hinzuzudenken: Es könnte der Moscato Giallo sein mit seinen verführerischen Düften; oder der nicht minder verführerische La Rose, wenn man sich die Szene zwischen den beiden leichthin irgendwo an einem versteckten Ort unter freiem Himmel der im Lied nicht näher beschriebenen „Stadt“ denkt. Man könnte sie aber auch in ein luxuriöses Hotelzimmer verlegen, wo die Sache dann mit entsprechender Grandezza über die Bühne geht – samt standesgemäßer Begleitung etwa in Form eines Lieben Aich für all jene, die nach solchen Gelegenheiten beim obligaten Champagner eher selig einschlafen würden.

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Nights and Days of Wine and Roses. Ein paar Klicks weiter, wieder Rosen und Wein, diesmal aber in verschärfter Form: „The Nights of Wine and Roses“ von den Japandroids, einer ziemlich ungeschliffenen Garage-Rock-Band aus Vancouver, erzählen weniger von romantischen Candle-Light-Dinners an lauen Sommerabenden, als vielmehr von einem unüberhörbaren Schrei aus der nächtlichen Hölle in Richtung Himmel: „We all want to know what nobody knows / What the nights of wine and roses hold / For the wine and roses of our souls / So we down our drinks in a funnel of friends / And we burn our blends right down to the end / We don’t cry for those nights to arrive / We yell like hell to the heavens“ – so klingen „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ heute, und vielleicht kommen wir damit dem eingangs erwähnten Getöse des „Lärmers“ Dionysos schon ganz nahe. Wenn es einen Wein gibt, der da mithält, kann das nur einer sein: der Rubatsch. Denn nur der Lagrein, dieser gezähmte Wilde unter Südtirols Weinen, der selbst in seinen mit Würde und Sanftheit zelebrierten erwachsenen Tagen immer noch die Rebellion der Jugend spüren lässt, hält so einen Untergang stilvoll durch – bis zum Ende. Dionysos pur.

Der Song der Japandroids ist wohl eine musikalische Paraphrase, die sich auf den Film „The Days of Wine and Roses“ aus dem Jahr 1962 bezieht. Auch das keine Wohlfühlgeschichte. Sie erzählt von einem Paar (gespielt von Jack Lemmon und Lee Remick), das schmerzlich den Übergang von den sanften Tagen der Liebe hin zu den dornigen Rosen ihrer Alkoholsucht erfährt und dessen Schicksal im Film letztlich offen bleibt. Für den gleichnamigen Titelsong gewann Henry Mancini 1962 einen Oscar, die sanfte Schwermut der Melodie und der gelassene, getragene Klang des großen Orchesters erinnern an die Anfänge dieser tragischen Liebe und lassen das menschliche Drama des Films fast vergessen: „The days of wine and roses laugh and run away like a child at play / Through a meadow land toward a closing door / A door marked „nevermore“ that wasn’t there before. / The lonely night discloses just a passing breeze filled with memories / Of the golden smile that introduced me to / The days of wine and roses and you“. – Das ist doch richtig schön, nicht? – Ursprünglich stammt die Zeile „days of wine and roses“ aus einem Gedicht Vitae Summa Brevis des englischen Dichters Ernest Dowson (1867–1900): „They are not long, the days of wine and roses: / Out of a misty dream / Our path emerges for a while, then closes / Within a dream“.

Only the Wine. Alles Schöne ist also vergänglich, tröstlicher Weise aber auch alles Tragische, und Jegliches endet in einem seltsamen Traum, den man zwar nicht genau kennt – der man aber trotzdem ist. Zwei Weggefährten durch diesen Traum sind der Wein und die Musik. Als heutiger Weingenießer hat man dabei nicht unbedingt die schwere, gar unmögliche Entscheidung zu treffen zwischen Dionysos und Apollon (diese beiden verbindet wahrscheinlich ohnehin mehr, als sie trennt). – Das Leben trägt sich zumeist zwischen diesen beiden Polen zu, und dieses „Zwischen“ muss nicht unbedingt von den Extremen her bestimmt sein. Ohne Extreme zu denken heißt aber, in Widersprüchen denken zu lernen, Dingen ihr Geheimnis zu lassen und – gar nicht selten ein guter Rat – aufhören, zu viele Fragen zu stellen. Rätsel bleibt Rätsel, so wie im Fall der Liebe im Lied „Poison and Wine“ des US-amerikanischen Country-Folk-Duos The Civil Wars: „You only know what I want you to / I know everything you don’t want me to / Your mouth is poison, your mouth is wine / You think your dreams are the same as mine. / Oh, I don’t love you, but I always will / Oh, I don’t love you, but I always will …“. Das Zusammensein bleibt ein auf Dauer unerklärliches Etwas, aber immerhin, wenn es gelingt, ein schönes, ein geheimnisvolles, ein spannendes. –

Und noch einmal einen Klick weiter, einen letzten. „Only the Wine“ von David Gray, britischer Singer/Songwriter. Darin erzählt er von genau dem Zustand, der nach keiner Erklärung mehr verlangt und den der Wein so wunderbar heraufzubeschwören vermag: „Sprung like a wild orchid / Curled like a wave / Hanging like wood smoke, yeah / In the airy glade / Only the wine talking / Only the wine / Head spinning, mouth open / Time after time“. – Gray singt hier nicht nur vom Rausch der sinnlichen Eindrücke, sondern vom Erstaunen und zugleich vom Verstummen. Und schließlich, gegen Ende des Liedes: „Laugh about it …“. –

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Es ist dieser melancholische Chor des Unbestimmten und Unsagbaren, in den viele Lieder, in denen der Wein eine Rolle spielt, einstimmen. Meist geht es darin um existenzielle Dinge, um das unergründliche Leben, um die ebenso unergründlichen schönen wie weniger schönen Erfahrungen darin, und natürlich um die Liebe. Hier führt der Wein im Verbund mit der Musik an die Ränder der Sprache heran. Hört man sie aufmerksam, dann braucht es dazu Weine, die nicht nach augenblicklicher und sicherer Erkenntnis verlangen. Weine, die durch die Musik eine Empfänglichkeit für solche existenziellen Rätsel bereiten, für das „Zwischen“, für den „Traum“. – Dort sind wahrscheinlich auch die Weine von Manincor zuhause. Mason und Mason di Mason, Sophie, Cassiano und wie sie alle heißen: Sie alle sind keine vorlauten Geschöpfe. Ihr eigentliches Wesen ist – wie bei vielen guten Dingen – in Worte zu kleiden, und gerade deswegen sind sie passende Gefährten für musikalische Gedankenreisen.

Von diesem kaum mit Worten fassbaren Phänomen „Leben“ erzählt von den ersten Tagen an auch die gemeinsame Geschichte von Wein und Musik. Beide verführen, manchmal gefährlich, manchmal gelassen, den Menschen auf der Suche nach Lebensklugheit zu ganz eigenen Erfahrungen, und im Grunde genommen sind diese von der Antike bis herauf in die Gegenwart ganz ähnlich. Schon damals ging es darum, den Widerspruch zwischen Dionysos und Apollon – zwischen Trieb und Vernunft – zu zähmen und Orte des Ausgleichs zu schaffen: Diese Orte waren das Theater und das Delphische Orakel. Sie standen symbolisch für nichts anderes als die Suche nach Wahrheit. Musik und Wein sind ein Teil dieser Suche. Was mit Dionysos vor langer Zeit mit rauschenden Festen begann, wiederholt sich deshalb noch heute immer wieder aufs Neue in unseren von Musik und Wein begleiteten Ritualen.

Heute? – Jetzt gerade? – Aber heute gibt es doch kein Fest, kein Theater, auch kein großes Konzert. Keiner da außer dir. – Macht nichts. Macht gar nichts. Manchmal reicht dazu, wie eben geschehen, in aller Schlichtheit: hinsetzen, ein gutes Glas Wein einschenken, Kopfhörer auf und durch. Song um Song, Zeile um Zeile, Schluck für Schluck. Und am Ende, hoffentlich: Laugh about it …