Manincor

Mensch und Wein

Mensch und Wein.

Über ein symbiotisches Verhältnis am Beispiel Südtirol. Unter Zuhilfenahme des Lagrein Rubatsch.

Von Kurt Höretzeder

Was ist das eigentlich, ein „Menschenschlag“? – Wir „schlagen“ nach und erfahren, dass darunter eine „Gruppe meist landschaftlich zusammengehöriger Menschen mit bestimmten einheitlichen Merkmalen“ verstanden wird. Und was ist „Landschaft“? – Ein Teil der Erdoberfläche, „der durch Bodengestalt, Bewachsung, Besiedlung sein besonderes Gepräge erhalten hat und sich dadurch von anderen Gebieten unterscheidet“.

Landschaft prägt Mensch, Mensch prägt Landschaft. Und über allem der stetig formende Himmel, Luft, Sonne und Regen, warm und kalt. Früher einmal verbanden Gelehrte diese wechselseitigen Einflüsse zu einer recht eigenwilligen „Klimatheorie“: Der französische Philosoph Montesquieu (1689–1755) etwa führte die Wesensunterschiede der Bewohner nördlicher und südlicher Hemisphären auf das grundlegende Faktum unterschiedlicher Temperaturen zurück – Kälte spanne den Körper, Wärme lasse ihn erschlaffen. Folgerichtig seien deshalb Menschen kälterer Himmelsstriche stark und kräftig, wogegen warme Gegenden sehr leicht zu einer „Ermattung des Herzens“ führen (Montesquieu war kein großer Freund des Südens mit seiner „geistige Trägheit“ fördernden Wärme). Ganz anders dagegen der deutsche Archäologe und Kunstgeschichtler Johann Joachim Winkelmann (1717–1768), der aus den feinen Gesichtszügen der Menschen südseits der Alpen überschwänglich eine „vorzügliche Bildung“ mit viel Sinn fürs Schöne und Gute ableitete.

Winkelmann wie Montesquieu hätte der heutige Hinweis des österreichischen Schriftstellers Karl Markus Gauß gut getan, der in seinem Buch Im Wald der Metropolen schreibt: In Gesichtern „zeichnet sich stets auch das Gegenteil dessen ab, was sie auf den ersten Blick zu bedeuten scheinen“. – Landschaft, Klima, Mensch und dessen Wesen: In diesen Beziehungen gelten keine verlässlichen Gesetze. Schönheit gibt es südlich und nördlich der Alpen, und derselbe Landstrich bringt Einfältigkeit ebenso hervor wie Anmut.

Ein eigenwilliger Menschenschlag. Es ist also Zurückhaltung angebracht bei der Suche nach Merkmalen, die aus Einzelwesen eine „Gruppe meist landschaftlich zusammengehöriger Menschen“ machen. Aber unleugbar bleibt, dass es diese Beziehungen zwischen Landschaft und Wesen gibt, eine „mentale Geografie“, in der sich die Landschaft mit stoischer Geduld im Menschenwesen abbildet und selbst jene prägt, denen sie im Grunde gleichgültig ist.

Das gilt umso mehr für Südtirol, dessen Geschichte nicht erst seit der Trennung von Nordtirol einen Menschenschlag hervorbrachte, der so viele Widersprüchlichkeiten in sich versammelt, dass man es bei näherer Betrachtung kaum für möglich hält: Je nachdem, was mehr Erfolg verspricht, zählt man sich zum südlichsten Teil des „deutschen“ Nordens oder zum nördlichsten Teil des „italienischen“ Südens. Weltläufigkeit an der Schnittstelle zwischen Nord und Süd wird ebenso gerne zur Schau gestellt, wie man umgekehrt bei jeder guten Gelegenheit Kirchturmdenken aus hartnäckigem Eigennutz pflegt. Und schließlich macht hier wie anderswo die Aussicht auf touristischen Gewinn aus Einheimischen gerne wesenlose Gestalten, denen Landschaft und Eigenart als Ressourcen erscheinen, die sich beliebig verscherbeln lassen. Aber übermäßiger Verkauf leert selbst dieses zähe Reservoir – allmählich, aber bestimmt.

Schneebedeckte Berge und mediterrane Winde, Zirbenwälder und Palmen, Speck und Pizzeria Donatello, Offenheit und Einfältigkeit, Deutsch und Italienisch, bewundernswerte Tradition und dümmliche Vermarktung: Diese Beispiele illustrieren die unvermeidliche Begegnung der weiten Welt mit einer engen, an sich schwer zugänglichen Bergregion. Manchmal entsteht dabei Interessantes, manchmal eher nicht.

Landschaft, Klima, Mensch: Würde in diesem Terzett „Mensch“ durch „Wein“ ersetzt, so spräche man von „Terroir“. Aber so, wie das Terroir den Wein, prägt wiederum auch der Wein den Menschen. Es wäre also hoch an der Zeit, den Menschen, seine kulturellen und individuellen Eigenarten mit in den Begriff des „Terroirs“ einzubeziehen. Mensch, Landschaft und Wein erziehen sich gegenseitig – überall auf der Welt bringen solch symbiotische Beziehungen unterschiedlichste Wesenszüge hervor, und sie machen im Kern das aus, was wir „Weinkultur“ nennen.

Diese Beziehung ist alt und eng, weswegen es auch nicht erstaunt, dass einer geglückten Begegnung von Tradition und Moderne, lokaler Identität und globaler Kultur in Südtirol (wie auch anderswo) am ehesten im Umfeld ebendieser Weinkultur zu begegnen ist. Wein fördert genaues Hinschauen auf das, was da ist, ebenso wie den aufmerksamen Blick über die Grenzen. Auf diese Weise trägt er das seine zum allmählichen Entstehen einer „Identität“ bei, weil er umso interessanter wird, je mehr man ihn mit anderen in Beziehung bringt. Vergleich und Austausch lassen eben Unterschiede deutlich werden, und sie sind es, die eine „Identität“ von einer anderen unterscheiden.

Ein Beispiel für diesen befruchtenden Austausch ist der Lagrein. Neben dem Vernatsch und dem Gewürztraminer ist er einer der drei autochtonen Sorten Südtirols. Lange Jahrzehnte führte er ein Schattendasein, man schenkte ihm wenig Beachtung, hielt sein Potenzial auf dem großen Parkett für wenig Erfolg versprechend, „versteckte“ ihn gar nicht selten als Beigabe zum Vernatsch oder in einer besonderen Spielart, dem „Kretzer“, einem aus Lagrein gekelterten Rosé. Internationale Sorten – Merlot, Cabernet, Blauburgunder – fanden immer größere Verbreitung, und nur wenige Lagen – so zum Beispiel rund um den Bozner Stadtteil Gries – hielten eine Erinnerung an die Vorzüge dieser landestypischen Sorte wach.

Es dauerte bis in die 1990er Jahre, ehe der allgemeine Aufschwung im Weinland Südtirol auch den Lagrein erfasste. Der Weg, den er aus seinem Dornröschenschlaf nehmen musste, war freilich ein längerer, denn was man kaum vermuten würde: Trotz seines kräftigen, urwüchsigen Ausdrucks ist er ein überaus sensibler Wein, der hohe Ansprüche an den Boden und an mikroklimatische Begebenheiten stellt. Ein leichter, poröser, steiniger Untergrund, der Wärme gut speichert, bändigt seine große Wuchskraft, und nur bei entsprechender Reife wird aus ihm ein eleganter Vertreter in der Linie eher kräftiger, gehaltvoller Rotweine. Gelingt diese „Zähmung“, kann er sich ohne Weiteres mit den bekannten Vertretern seiner Zunft messen; gelingt sie nicht, zeigt er sich unreif, wirkt ungehobelt und rüde. Daher stammen wohl auch einige der Vorurteile, mit denen der Lagrein selbst heute noch zu kämpfen hat.

Naturbelassene, gesunde, reife Trauben.Wie ungerechtfertigt sie mittlerweile sind, lässt sich am Lagrein Rubatsch aus Manincor ablesen. Man hat sich einige Jahre Zeit gelassen, um diesen reinsortigen Vertreter auf den Markt zu bringen. Die Frage war: Wie lassen sich die Qualitäten eines regionaltypischen Weins so entwickeln, dass er auf einer größeren Bühne bestehen kann? Erst 2004 war man sich auf Manincor sicher, darauf eine Antwort gefunden zu haben. Im Kern lautet sie: Indem an diese zumindest früher in Südtirol so selbstverständliche und unverwechselbare Rebsorte dieselben Qualitätskriterien angelegt werden wie an andere „große“ Sorten auch.

Die Trauben für den Lagrein von Manincor stammen zu zwei Drittel aus Rubatsch in Terlan, einem auf etwa 250 m Meereshöhe gelegenen Südwesthang mit sandigem Boden auf Porphyrverwitterungsgestein. Das restliche Drittel kommt von der Lage Seehof Greiffenburg in Kaltern. Mit ihrem lehmigen Kalkschotter sorgt sie für die kräftige Struktur, die Trauben aus Rubatsch für feine Eleganz. Für die Arbeit in diesen beiden Lagen gelten dieselben Regeln wie für alle anderen Manincor-Lagen auch: Nur naturbelassene, gesunde, reife Trauben finden den Weg in den Keller. Weiter der Philosophie von Manincor folgend, wird der Wein dort weitgehend sich selbst überlassen: Die Gärung erfolgt spontan, die intensiven Farb- und Gerbstoffe der Trauben werden allmählich im Verlauf der etwa zweiwöchigen Mazeration extrahiert, danach ruht der Lagrein und reift im Verlauf von vierzehn Monaten in gebrauchten Barriquefässern.

Schön ist, was da entsteht. Im Glas so dunkel und von so kräftiger Farbe, dass man nur an den Rändern purpurfarbene Reflexionen sieht. Die Nase begegnet zuerst den typischen, kräftigen Beerenaromen, und wer sich etwas Zeit lässt, wird noch mit weiteren, feinen Düften belohnt: etwas Kirsche, Pflaumen, ein Hauch Lakritze, Veilchen (vielleicht). – Wer solche Anklänge hervorruft, deutet damit auch seine Vielschichtigkeit im Alter an (man kann den Lagrein gut und gerne fünf, vielleicht zehn Jahre liegen lassen).

Der Lagrein Rubatsch sollte übrigens Zeit haben, sich im Glas zu entfalten – dekantieren ist zu empfehlen und größere Gläser sind Pflicht. Eine Geduld, die sich spätestens mit dem ersten Schluck bezahlt macht: Trotz seiner dichten, kräftigen Tannine am Gaumen ist er ein überaus feiner Kerl, weich, saftig, samtig. Und wer jetzt noch ein Rehkitz oder einen Hirschbraten in Greifweite hat, dem geht es ziemlich gut. Der wird zum sanftmütigen Genießer, auch wenn er von seinem Menschenschlag her sonst eher nicht dazu neigt.

Vielleicht kommt es daher, dass der Lagrein als typischster Wein Südtirols gilt. Er gibt einen Hinweis, dass das Leben in diesem Land nicht nur hart und mühselig gewesen sein kann. Es gab da immer auch etwas anderes, was trotz aller bergigen Mühsal, katholischen Strenge und geschichtlichen Verwerfungen den Blick offen hielt, der Widersprüchlichkeiten und Gegensätze gegen manche Wahrscheinlichkeit zu einer ganz eigenen „Identität“ verband. Und auch wenn davon in der Gegenwart, eingezwängt zwischen träge machendem Erfolg, intensivtouristischem Allerlei und immer noch ausgiebig gepflegtem Heimweh bisweilen wenig übrig bleibt: Es gibt ihn, diesen liebenswürdigen, Südtiroler Menschenschlag. Man findet ihn in seinem Durchgangsreich zwischen Nord und Süd. Zäh, verschmitzt und manchmal ungehobelt, aber meistens ehrlich, gezeichnet von schroffen Berggipfeln ebenso wie warmen südlichen Winden, versehen mit einer Gelassenheit, die gerne dort anzutreffen ist, wo man schon seit Jahrhunderten Menschen beim Vorbeifahren zuschaut (und sich dabei auf der Bank vor dem eigenen Haus umso wohler fühlt). –

Ob man das alles bei einem Schluck Lagrein spüren kann? – Wer weiß, wohl eher nicht. Man muss es auch nicht. Aber denken lässt es sich. Irgendetwas gibt es, was Landschaft, Wein und Mensch hier schwer trennbar und eigenwillig aneinander bindet. Und gewiss scheint, dass keiner dieser drei es in Südtirol ohne den anderen aushalten wollte.