Manincor

Mamarazza

Bestimmt haben auch Sie heitere, interessante, peinliche, wunderschöne oder unvergessliche Episoden erlebt, in denen Wein eine Rolle spielte.

In der fünften Folge unserer Kolumne "Mein Leben mit dem Wein" spielt Wein in Hülle und Fülle eine bedeutende Rolle beim schönsten Weinfest von Fürstin Marianne zu Sayn-Wittgenstein.

Schloss Glanegg bei Salzburg, im April 1945. Durch heimlich abgehörte BBC Nachrichten wussten wir, dass der Krieg seinem Ende zuging – aber niemand wusste, wo Hitler war. Meine Eltern beschlossen, mich und meine beiden kleinen Kinder und meine drei kleinen Geschwister zusammen mit der treuen Beschließerin Frau Potmisil nach Bayern zu schicken. Ziel war Schloss Seefeld am Ammersee, das Zuhause unserer guten Freunde Hansibert und Vicky Toerring. Meine Eltern befürchteten einen Endkampf um Hitlers Obersalzberg, nahe Glanegg.

Im Vorhaus von Schloss Seefeld fanden wir eine Bleibe mit zwei Schlafzimmern und einer kleinen Küche. Als wir zwei Wochen auf dem Schloss verbracht hatten, geschah an einem Nachmittag etwas Unerwartetes: Die Tür zu unserer Wohnung wurde aufgerissen und jemand rief herein, wir sollten alle heraus kommen. Neugierig rannten wir gleich über die Brücke hinüber in den Ort. Alle waren auf den Beinen, sangen und waren fröhlich. In der Mitte des Ortes befand sich ein gewaltiger Springbrunnen, und als wir hinauf blickten, trauten wir unseren Augen kaum: Oben an der Fontäne stand ein schönes aber splitterfasernacktes Mädchen! Mit einer Hand hielt sie sich an der oberen Kante des Brunnens fest und mit der anderen umklammerte sie eine Flasche Wein, aus der sie fortwährend trank. Und immer wieder schrie sie lauthals: Der Krieg ist aus, der Krieg ist aus! Schließlich versammelte sich das ganze Dorf, jeder mit einer Flasche Wein in der Hand, und nun brüllten alle vom Kriegsende.

Im Gutshof des Schlosses war während des Krieges ein großes Münchner Getränkelager untergebracht gewesen. Es hatte die sechs Kriegsjahre unversehrt überstanden. Jetzt aber wurde es geöffnet, die Flaschen wurden an uns verteilt und das Lager 
komplett ausgetrunken. Viele Stunden meines 93-jährigen Lebens habe ich in fröhlicher Gesellschaft und bei guten Weinen verbracht; doch das Weinfest im April 1945 war für mich das allerschönste.

Neugier auf das, was jeder Tag bringt und Freude am Leben - vielleicht ist das ein "Geheimrezept". Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein hat diese Philosophie viele schöne, manchmal turbulente, stets interessante Begegnungen in ihrem Leben ermöglicht. Als Fotografin machte sie viele ihrer Eindrücke der Öffentlichkeit zugänglich. Ihre Bilder, etwa 250.000 sollen es bislang sein, sind vielfach Portraits, oft aber auch Momentaufnahmen und zeugen von großem Respekt für die Privatsphäre der Menschen ebenso wie von ihrem unbestechlichen Empfinden für Ästhetik. "Mamarazza" - so dürfen sie alle nennen, seit sie selbst 1999 einen Bildband mit diesem Titel veröffentlichte.

Kurzbiografie: Tochter von Friedrich Baron Mayr-Melnhof und dessen Frau Maria Anna. Erster Fotoapparat mit 10 Jahren; Studium an der Münchner Blocherer Kunst- Akademie. 1942 Heirat mit Ludwig Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Sayn; fünf gemeinsame Kinder. Schauspielerin Lili Palmer rät, ihre geliebte Fotografie zum Beruf zu machen. Fotografin für die BUNTE; ab 1991 Einzelausstellungen; 1999 Fotoband "Mamarazza"; 2005 Bildband "SaynerZeit"; 2006 Bildband "Sayn-Wittgenstein Collection"; 2010 Buch "ManniFeste".