Manincor

Lebend

Lebend. "Ich erforsche das Leben..."

Ein Portrait des berühmten französischen Insekten-forscher Jean-Henri Fabre (1823–1915), dessen respektvoller Blick auf die Natur auch für die Arbeit von Manincor Vorbild ist.

Vielerorts wird heuer der 150. Geburtstag von Rudolf Steiner gefeiert, dem Begründer der Anthroposophie, der Waldorfpädagogik und jener Form von Landwirtschaft, die unter dem Namen „Biodynamie“ auch für Manincor zum Leitbild wurde. — Wir nehmen den Geburtstag Steiners zum Anlass, um auf einen anderen berühmten Naturforscher aufmerksam zu machen, der unseren Blick auf die Erscheinungsformen des Lebendigen ebenso nachhaltig zu prägen vermag: Jean-Henri Fabre. Geboren 1823 in Saint-Léons du Lévézou im französischen Zentralmassiv, widmete er sich ab 1870 intensiv der Beobachtung der Insekten und wurde damit zu einem der Wegbereiter der modernen Verhaltensforschung. Entstanden sind daraus seine berühmten „Erinnerungen eines Insektenforschers“ (»Souvenirs Entomologiques«), die wie kaum ein anderes Werk den Blick öffnen für das Leben im und am Boden. – Wenn wir von „Terroir“ reden, dann meinen wir auch das.

Von Bernhard Viel

Seit Stunden liegt Jean-Henri Fabre reglos auf der blanken Erde, geschützt nur vom Schatten eines Regenschirms – für Bäuerinnen, wenn sie zufällig an diesem Lieblingsplatz des Insektenforschers am rechten Rhône-Ufer bei Avignon vorbeikommen, ein kurioser Anblick. Mehr als einmal ist ihm passiert, dass Ahnungslose sich lustig machten über den schmächtigen Mann, der freiwillig im flimmernden Glast schmort, und das nur, um „Fliegen zu beobachten“, wie die Ahnungslosen das nennen. Allein, er lässt sich nicht stören, ja, es scheint, als bemerke er kaum die Hitze.

Unablässig suchen seine Augen den Boden ab, der, „nahezu nackt“, aus „feinem trockenem, sehr lockerem Sand“ besteht, „den der Wind überall dort zu kleinen Dünen aufhäuft, wo die Stämme und Wurzeln der Steineichen sein Wegwehen verhindern“. Und: „Wildbret in Fülle“ – Mücken für die Larven der Kreiselwespe, die hier, im sonnenheißen Sand, der aber in einer gewissen Tiefe noch feucht genug ist, um den Wänden einer unterirdischen Höhle Halt zu geben, Bedingungen findet, die sie in „Kreiselwespenwonnen“ schwelgen lässt.

So wird auch die Geduld des Beobachters belohnt: „Eine Kreiselwespe ( Bembix nostrata) taucht plötzlich auf und setzt sich ohne Zögern und vorheriges Suchen an eine Stelle, die sich für meine Augen nicht von der üblichen Sandfläche unterscheidet.“ Der Ankömmling indessen weiß genau, wo sich sein Nest befindet: „Mit ihren Vorderkrallen, die mit kräftigen Borstenreihen ausgerüstet sind und an Besen, Bürste und Hacke zugleich erinnern, beginnt sie ihre unterirdische Behausung freizulegen. Der unter dem Bauch nach hinten geworfene Sand passiert den Bogen der Hinterbeine, sprudelt in einem ständigen Faden, beschreibt eine Parabel und fällt zwei Dezimeter weiter herab. Dieser staubige, fünf, zehn Minuten lang gleichmäßig erzeugte Strahl ist ein hinreichender Beweis für das schwindelerregende Tempo der Werkzeuge, das dennoch die natürliche Anmut nicht beeinträchtigt, mit der sich das Insekt vor und zurück, hin und her bewegt.“

Schon dieser kurze Abschnitt wirft ein Licht auf die Fülle, die aus Fabres Schriften fließt: der klare Blick für das Funkeln jeden Fühlersporns, die Geduld, das Feuer in der fast nüchternen und doch farbenfrohen Sprache, die bei aller Schlichtheit einen wachen Leser fordert. Fabre, 1823 in dem Weiler Saint-Léons-du-Lévézou im Süden Frankreichs als Sohn eines Kleinbauern geboren, wurde zum bekanntesten Insektenforscher seiner Zeit, da er kein Vergnügen darin fand, Käfer „auf die fatale Korkplatte“ zu spießen, statt dessen sich „der Lebensweise, der Arbeit, den Kämpfen“ seiner „geliebten Insekten“ hingab und – „der Propagierung dieser kleinen Welt“. Denn: „Die Lebensgeschichte eines Rebenschädlings zu kennen wäre womöglich wichtiger, als zu wissen, wie ein bestimmter Nerv des Rankenfüßlers endet.“ Doch trotz seiner Leistung, als erster Entomologe in systematischer Feldforschung das bis dahin so gut wie unbekannte Verhalten der „Entomoi“, der Eingeschnittenen, erhellt zu haben, wäre er längst nur noch Liebhabern bekannt, hätte er nicht die Gabe besessen, seine Beobachtungen in einem auf zehn Bände angewachsenen Riesenwerk zum packenden Roman der kriechenden und fliegenden Geschöpfe zu formen: den Souveniers Entomologiques, Erinnerungen eines Insektenforschers, die der Berliner Verlag Matthes & Seitz nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung herausgibt – eine wahre verlegerische Großtat, die Fabre endlich auch in deutschen Landen etabliert.

Woher aber rührt die eigenartige Spannung dieser Prosa, von der sich Künstler von Victor Hugo über Proust bis zu Buñuel und Ernst Jünger, inspirieren ließen? „Manchmal, in guten Stunden, konnte ich die Stöße, die Impulse, geradezu körperlich spüren, die von den einfachen Worten Fabres ausgingen, diese Wirkung, die einer Induktion glich: es war ein Einatmen, ein Genießen des einfachen Da-seins“ – so beschreibt Kurt Guggenheim seinen Eindruck in Sandkorn für Sandkorn, jenem Buch, mit dem dieser wichtigste Schweizer Schriftsteller der Nachkriegszeit Jean-Henri Fabre zum ersten Mal überhaupt einem deutschsprachigen Publikum vorstellte. Doch woher diese Wirkung?

Beobachten wir Fabre noch einmal selbst: Wie er etwa das „Schauspiel“ schildert, das die Nachkommen der Gelbflügligen Grabwespe beim Ausschlüpfen bieten: „Ein hauchzartes Hemdchen zerreißt, und man erblickt eine schwache Larve, durchsichtig wie Kristall, und auf beiden Seiten mit einem schmalen weißen Band, der Haupttrachee, geschmückt.

Aufgrund seiner Durchsichtigkeit können wir die raschen Schwankungen in ihm sehen, mit mathematischer Regelmäßigkeit aufeinander folgende Wellen, die von der Mitte des Körpers nach vorne und hinten gehen.“ Was er sieht, sind mehr als messbare Formen: Es sind jene „maxime miranda in minimis“, wie er, der Verehrer Horaz’ und Vergils, das ausdrückte – das größte Wunderbare im unendlich Kleinen. Angesichts solcher so präziser wie auch gleichsam singender Schilderungen erschließt sich dem unvoreingenommenen Blick eine zweite Welt hinter den Worten, eine Gegenwelt zu der von rationalen Ordnungen beherrschten Realität – der Blick dringt auf das Mysterium der Schöpfung. Heute würde man das „ganzheitliches Denken“ nennen.

Fabre war seit 1842, er war 19, als Lehrer tätig, zuerst in Carpentras, dann am collège, am Gymnasium: zuerst in Ajacco, dann in Avignon, schließlich in Orange. Doch hat er die längste Zeit seines knapp 92jährigen Lebens unter freiem Himmel verbracht, um seine Berufung an den Sandwespen, den Mörtel-, Mauer- und Hosenbienen, an provenzalischen Skorpionen oder den „ekelhaften“ Ölkäfern mit den „schlaffen Deckflügeln“ zu erproben, die „wie die Rockschöße eines Menschen auseinanderklaffen, der für sein Gewand zu dick ist“.

Doch Jahre scharfer Betrachtung haben ihn niemals der Fähigkeit beraubt zu staunen, nach Platon bekanntlich der Anfang aller Philosophie. Im Gegenteil: Immer deutlicher schien sich ihm das Wunder einer Naturordnung zu erschließen, die, davon war der Forscher überzeugt, von einem dem menschlichen Verstand nicht erfassbaren Geist geschaffen sein musste. „Je mehr ich sehe“, hat er sich selbst gegenüber bekannt, „desto stärker strahlt diese Intelligenz hinter dem Geheimnis der Dinge“. So hat ihn auch nie die Ehrfurcht verlassen, die er etwa der „herrlich golden-kupferroten Färbung“ des Rhynchites betuleti entgegenbringt, einer Rüsselkäferart, die „Weinblätter wie Zigarren zusammenrollt“. Oftmals auch, wenn er Stunde um Stunde darauf wartete, die Knotenwespe möge endlich anfliegen, entschädigt er sich mit dem Anblick der Gräser und Bäume ringsum: „Im nahen Kiefernwald jagen sich Wiedehopfe mit den Liebesneckereien des Frühlings. Upupu!, ruft das Männchen dumpf, Upupu! … du schöner Vogel, bietest mir Ablenkung in meiner großen Langeweile! Deinem Idiom getreu rufst du Upupu, wie schon zur Zeit von Aristoteles oder Plinius und wie das erste Mal, als dein Ruf ertönte. … Der Mensch ändert sich, das Tier ist unveränderlich.“

Dabei hat Fabre Naturschwärmerei belächelt. Der Dichter war Wissenschaftler und wusste, dass nur empirische Forschung gültige Ergebnisse produziert. Dem Geist seiner wissbegierigen Epoche verpflichtet, folgte er dem Satz, ein „wissenschaftliches Ergebnis“ sei erst stichhaltig, wenn es „durch Experimente aller Art bestätigt wird“ – nur dass ihm die Natur selbst zum Labor wurde. Auf diese Weise fand er heraus, dass Grab- und Knotenwespen ihre Beute nicht etwa töten, sondern ihre Rüsselkäfer oder Grillen mit präzisen Stichen in die Nervenknoten lediglich lähmen – will doch dieser „gelehrte Mörder“, wie Fabre das Tier trotzdem bewunderungsvoll nennt, „eine unversehrte Beute mit aller Schönheit in Form und Farbe.“ Warum? Natürlich um die geschmäcklerischen Larven zu versorgen, „diese kleinen Ungeheuer, die so nach Frischfleisch gieren“. Solche Erkenntnisse haben Fabre zu einem Pionier der Verhaltensbiologie gemacht, zugleich ihn ganz in seinem Glauben an einen Schöpfungsakt bestätigt. „An diesem dreifachen Dolchstoß“, jubelt er über die Jagdkenntnisse seiner Grabwespe, „zeigt sich die Unfehlbarkeit, das angeborene Wissen des Instinkts in seiner ganzen Großartigkeit.“ Er verstand sich als Diener des Wissens, nicht als Eroberer, der mit kühnem Griff der Natur ihre Schleier entreißt.

Dabei hatte Fabre schmerzlich erfahren, was es heißt, kämpfen zu müssen, zu schmerzlich, um einer Lehre anzuhängen, die den „Kampf ums Dasein“ als Ursache jener Wesen bestimmte, die ihm Anlass liebenden Eifers waren. Willensstark, von Wissensdurst getrieben, hatte Fabre ein Stipendium für die Lehrerbildungsanstalt in Avignon erhalten, hatte Diplome und zwei Doktortitel erworben, zahllose Schüler für Chemie, Physik und Algebra begeistert, hatte vier Töchter und zwei Söhne großgezogen, hatte Lehrbücher geschrieben und hatte doch mit 1600 Franc im Monat „weniger, als ein Reitknecht in guter Stellung“. Erst als 1879 der erste Band seiner Erinnerungen erschien, die er 1907 abschloss, begann sein Ruhm, der den geistig Reichen auch aus der materiellen Not befreite.

Endlich reichte das Geld, sich einen Traum zu erfüllen: „Ein verlassenes, unfruchtbares Stück Land, verbrannt von der Sonne, günstig für Disteln und die hautgeflügelten Insekten. Dort würde ich ohne Störungen durch Vorübergehende befürchten zu müssen, die Sandwespe und die Graswespe befragen…“ Das war der Weinberg seines Lebens, dessen Rebstöcke aus Brombeersträuchern und Platanen bestanden, dessen Trauben die Bienen und Heuschrecken waren – sein „Harmas“ in Serignan im Vaucluse, ein Landhaus mit ummauertem Garten, das der fast 60jährige mit seinen Töchtern, seiner jungen Frau und seinem greisen Vater bezog, sein „Laboratorium im Freien“. An den schwülen Abenden der Sommermonate stimmen die Zikaden ihren Gesang an. Der Hausherr vermutet, das lärmende Konzert sei Ausdruck überschäumender Lebensfreude. Und war das nicht die rechte Begleitmusik für den „Homer der Insekten“, wie Victor Hugo ihn nannte, den Epiker, dessen Werk im Grunde nichts anderes ist, als eben dies: ein Lobpreis auf die Herrlichkeit der Schöpfung?

Die Zeichnungen stammen aus der Feder des Graphikers, Zeichners, Holzschneiders und Verlegers Christian Thanhäuser und wurden eigens für diesen Zweck angefertigt. Geboren 1956 im oberösterreichischen Linz, aufgewachsen im Schiffsmeister haus zu Ottensheim, erfährt sein Werk seit den 1990er Jahren durch zahlreiche Ausstellungen und Auszeichnungen große Aufmerksamkeit. Für die seit 2010 im Verlag Matthes & Seitz Berlin erscheinende, neue Werksausgabe von Jean-Henri Fabre erstellt Christian Thanhäuser in minutiöser Arbeit und mit großer Hingabe Federzeichnungen von Insekten.