Manincor

Bodenkunde

Bodenkunde.

om respektvollen Umgang mit dem Boden. Gedanken-grabung in die tiefer liegenden Schichten eines Weinbergs.

Von Dr. agr. Andrew Lorand

Fast alles, was wir in der Landwirtschaft machen, hängt direkt vom Boden ab. Die Gesundheit des Bodens gibt vor, ob auch die Pflanze sich gesund entwickeln kann oder nicht – und mit ihr schließlich auch der Mensch. Manincor legt daher – besonders seit der Umstellung auf die biodynamische Arbeitsweise – viel Wert auf eine ganzheitliche und schonende Bodenpflege. Wie sieht das konkret aus?

An sich ist diese Feststellung trivial: Böden sind die Grundlage des Lebens (was natürlich ganz besonders für das Leben im Weingarten gilt). Trotzdem ist es für einen heutigen Betrieb alles andere als selbstverständlich, diese Grundlage in ihren vielschichtigen Zusammenhängen auch tatsächlich zu verstehen. Verschiedenste „Hilfsmittel“ wurden entwickelt, um die natürlichen Unwägbarkeiten in den Griff zu bekommen: mechanische ebenso wie chemische. Genau diese „Hilfsmittel“ sind es aber auch, die ein tieferes Verständnis dieser elementaren Lebensgrundlage heutzutage eher behindern: Im Gegenteil, sie machen bequem. Und führen letztlich dazu, die Qualitäten und Kräfte des Bodens nicht wirklich zu nutzen.

Dies ist der Ansatzpunkt für unsere in den letzten Jahren vollzogene Umstellung. Seither versuchen wir uns klarer zu werden, wie genau unsere spezifischen Böden gepflegt und belebt werden sollten. Dies fordert heraus, mehr zu lernen, zu beobachten, zu reflektieren. Vor allem gilt als Grundsatz: Respekt gegenüber Natur und Arbeit! Das klingt altertümlich, aber wir erleben täglich, wie wichtig das ist. Schließlich ist es nur die oberste, oft nur 20 bis 40 cm dünne Schicht der Erdrinde, die das gesamte Leben der Pflanzen, Tiere und Menschen erhält.

Terroir? Viel wird vom „Terroir“ im Weinbau gesprochen. Dieses französische Konzept bedeutet nichts anders, als dass die lokalen Gegebenheiten im und über dem Boden entscheidend sind für die Qualität des Weins: Bodenaufbau, Pflanzenvielfalt, das lokale Wetter und andere Faktoren mehr sind die Voraussetzung dafür, was heute mit „Typizität“ bezeichnet wird. – Diese Philosophie war für die Weine von Manincor von Anfang an maßgebend. Denn auch unsere eigenen, „gewachsenen“ Böden sind einmalig – und somit auch unsere Weine. „Nur hier kann man solche Weine produzieren!“ lautet die logische Schlussfolgerung.

Ein wenig muss man das natürlich einschränken: Landwirtschaft ist eine kulturelle Tätigkeit. Sie verändert die natürliche Umgebung und nimmt Einfluss auf sie. Auch das „Terroir“ ist zu einem nicht unwichtigen Teil „gemacht“. Auch wenn wir mit Respekt arbeiten, feinfühlig und sorgfältig: Wir üben großen Einfluss aus auf Boden, Rebe, Traube und Wein. Ob wir durch unsere Arbeit den Boden beleben, die Wasser- und Nährstoffspeicherkapazität fördern oder die Bodenlebewesen und Nützlinge schonen – das alles hat Auswirkungen auf das Ökosystem. Das bedeutet: Terroir ja, aber nicht als passives Konzept, sondern als Philosophie, die den Einfluss und das Tun der Menschen in Manincor als aktives Mitwirken an den natürlichen Kreisläufen fördert. Eigentlich müssten wir sagen: terroir soigné (gepflegte Böden).

Humus! Als allererstes schauen wir auf den Humusgehalt des Bodens. Humus ist die dunkle, feuchte, gut riechende, reichhaltige, waldbodenähnliche Schicht, die sich bildet, wenn Pflanzliches und Tierisches abstirbt und sich unter den richtigen Bedingungen umwandelt. Sie ist nicht nur organisches Material, sondern eine wirklich lebendige (und stabile) Schicht voller Nährstoffe, voll Feuchtigkeit und vorallem mit vielen tausenden von Mikroorganismen. Humus dient als Grundlage für das Pflanzenwachstum, weil viele wichtige Komponenten (wie z.B. Stickstoff und Kohlenstoff) in langhaltigen, komplexen, aber den Pflanzen zugänglichen Verbindungen vorhanden sind.

Humus schützt gegen Extreme: Bei viel Regen wirkt sich seine Schwammartigkeit so aus, dass es zu wesentlich weniger Erosion kommt. Bei Dürre bewirkt diese Schicht durch ihre wasserspeichernde Eigenschaft eine langfristige Versorgung der Pflanze mit diesem lebensnotwendigen Element. Bei Hitze kann die Pflanze dem Humus Wasser und Nährstoffe entziehen, zeitlich so wie sie es braucht, anstatt alles auf einmal oder nur sehr unregelmäßig.

Humus bauen wir auf, indem wir (1) Komposte bauen, z.B. mit Stallmist, Stroh, Heu, Gräsern, Traubenresten usw.  – und zwar so, dass sie zum Schluss schönen, schwarzen, nach Waldboden riechenden Humus liefern; (2) Begrünungen anbauen, mit Getreidesorten, Blumen, und Kräutern zur Auflockerung und Belebung des Bodens; (3) von Zeit zu Zeit den Boden tief auflockern, um die langjährigen Verdichtungen zu lösen und (4) Bodenspritzungen mit verschiedensten Tees natürlicher Herkunft machen, um die natürlichen Humifizierungsprozesse (Verrottungs- und Wiederaufbauprozesse) zusätzlich zu fördern. Das alles hilft, die Humusschicht nachhaltig zu bilden und zu pflegen.

Kreuchendes und Fleuchendes. Im Boden leben und „arbeiten“ Milliarden von Mikrolebewesen. Da sind zuerst die Bakterien, Pilze und Algen als Hauptgruppen. Innerhalb der Bodenfauna geht man von 1000 bis 1500 Arten in einem durchschnittlichen Wald aus. Ein einzelnes Gramm Boden (ungefähr ein Fünftel Teelöffel) kann über 100 Millionen Bakterien, 1 Million Aktinomyketen und 100.000 Pilze mit Hyphae enthalten. Wir versuchen, im Weingut ein Gefühl zu entwickeln, wie wir die positive Wirkung dieser natürlichen Bodenlebewesen fördern können. Denn sie tragen wesentlich dazu bei, wichtige Nährstoffe für die Pflanzenwelt bereitzustellen. Auch Humusaufbau ist ohne diese unsichtbaren Freunde nicht möglich. Die Komposte, Begrünungen und Bodenspritzungen helfen allesamt, eine gesunde Bodenökologie zu entwickeln, sodass diese Lebewesen ihren Weg finden.

Wir haben angefangen, einen großen Teil unserer Lagen mit abwechselnden Einsaaten neu zu begrünen. Dies fördert die Bodenlockerung durch die Wurzeln und den Humusaufbau durch die Ablagerung von Pflanzenresten. Nützlinge werden angelockt durch die Blüten, Schädlinge abgebaut. Die Begrünungen sind auch ein Erosionsschutz und eine Resource für Nährstoffe, die auch von den Pflanzenwurzeln ausgeschieden werden. Also haben die Begrünungen einen großen ökologischen Sinn für den Boden, verschönern unsere Gassen und schützen Boden und Reben gleichermaßen. Viele Schädlinge haben diesen Namen überhaupt erst bekommen, weil sie überhand genommen haben bzw. nicht natürlich reduziert wurden durch ihre natürlichen „Gegenspieler.“ Bekanntlich sucht die Natur immer wieder den Ausgleich und unter gesunden Bedingungen halten sich die Insekten im Gleichgewicht – damit sind alle Nützlinge! Durch die starke chemische Behandlung der Weingärten in aller Welt seit den 60er Jahren sind viele Insekten zu einer Plage geworden, weil ihre natürlichen Gegenspieler oft von den verwendeten Mitteln betroffen waren. Durch unsere schonende, ausgleichende Art mit der Natur umzugehen und durch unser gezieltes Programm, Begrünungen anzubauen (die die Nützlinge mit Ernährung und Schutz versorgen), versuchen wir mit Erfolg, das Gleichgewicht im Insektenhaushalt wieder herzustellen.

Nicht zuletzt sei unser konsequenter Versuch erwähnt, immer schonendere Technik einzusetzen. Ein moderner Betrieb kann heute nicht ohne Technik auskommen. Aber wir versuchen – ob im Feld oder im Keller – schonendere, leichtere Technik einzusetzen. Zum Beispiel setzen wir zur Spritzbehandlung unserer Reben mit Tees einen Quad ein – eine Art Motorrad auf vier Rädern. Diese Quads wiegen ca. 800 kg im Vergleich zu einem Traktor, der etwa 2500 kg schwer ist. Dies kommt unseren Böden zugute weil sie sich durch das wesentlich geringere Gewicht weniger verdichten.

Respekt. Die Biodynamie ist uns wertvoll, wir lernen durch sie nicht nur unseren Weinbau, sondern die gesamten Kreisläufe und Zusammenhänge der Natur besser kennen. Wir lernen auch, unsere Böden „neu“ zu sehen, zu verstehen und sie vorsichtig zu behandeln. Die Idee, dass unsere Böden lebendig sind, hat uns auch ganz persönlich bereichert und den Respekt für die vielen „Mitarbeiter“ im Boden erhöht. Wir lernen durch Kompostieren, Begrünungen, Nützlingspflege und schonende Technik das natürliche Leben unseres Betriebes zu verbessern und zu schützen. Durch die Kräuterkunde wird es möglich, Tees im Weinbau so einzusetzen, dass die natürliche immunologische Reaktionsfähigkeit gestärkt wird.

Zu dieser „Bodenkunde“ kommt noch die Tatsache, dass jede Sorte ein eigenes, für sie am besten geeignetes Umfeld braucht – samt Boden, Flora und Fauna, Höhenlage, Mikroklima und Pflege. So ist es die große Kunst eines Winzers, für jede seiner Lagen und für jeden Boden die geeignetste Rebsorte zu finden bzw. für jeden, nach Betriebsphilosophie angestrebten Weintypus den besten Standort zu wählen, ihm den Boden zu bereiten und diesen zu pflegen.