Manincor

Angonese Walter Architekt

Bestimmt erinnern auch Sie sich an Momente, die Sie mit einem Glas Wein verbinden – beglückende, melancholische, lustige oder gar peinliche.

In der sechsten Folge unserer Kolumne "Mein Leben mit dem Wein" erfahren wir, wie eine sehr frühe Prägung das Weinleben unseres Architekten Walter Angonese beeinflusst hat.

mein leben mit dem wein fing schon vor meiner geburt an! meine mutter war verkäuferin in einem weingeschäft und das bis wenige tage vor der niederkunft. noch vor der atemluft kannte ich also den weingeruch. wen wundert’s, dass ich als kind kellermeister werden wollte. vorher sollte ich aber etwas „gescheites“ lernen. gescheit war zu jener zeit ein technischer beruf oder der eines buch­halters. für zweiteren musste ich mich entscheiden, gebracht hat es nichts, denn noch heute habe ich probleme mit dem „soll“ und dem „haben“ und noch mehr mit „aktiva“ und „passiva“, was aber eher ein problem meines befreundeten bankdirektors ist. nach einem kurzen intermezzo in agrarwissenschaft bin ich doch bei der architektur gelandet und auch dort geblieben. der wein ist mein ständiger begleiter, mein längster und treuester mitarbeiter. als solcher macht er mir oft mut, auch zu neuem, wenn dieser im begriff ist mich zu verlassen, lässt mich zum philosophen werden, wenn ich mit dem zeichnen nicht mehr weiter komme. es ist nicht so, dass ich wein trinke. ich „verinnerliche“ ihn, schluckweise! wenn der raum der zweite körper des menschen ist, so ist der wein für mich das osmotische bindeglied und deshalb lebensnotwendig. diese innige freundschaft zum wein – liebe bleibt den menschen vor­behalten – lässt mich stets nach parallelen zwischen dem weinmachen und dem architekturdenken suchen, um diese leidenschaft rational erklärbar zu machen und zu legitimieren. und es gibt der analogien genug: der winzer spricht vom „terroir“, wir architekten vom „kontext“ und meinen eigentlich das gleiche. stringenz ist ein begriff der in beiden disziplinen funktioniert, wie übrigens viele überlegungen wechselseitig anwendbar sind. fleiß, anspruch, neugier und leidenschaft müssen beide haben, nur dann entsteht wirklich qualität. auf unser gemeinsam mit michael goëss-enzenberg und unserem mitarbeiter „moscato giallo“ konzipiertes projekt manincor bezogen hieß dies, „einfaches komplex“ und „komplexes einfach“ zu machen, was dann schon alles war.

Mitgelebt, mitgelitten. Was liegt näher als zum Zehnjährigen Einen zu befragen, der Manincor und seine Weine in- und auswendig kennt? Der zwangsläufig eine intensive Beziehung hat, zum Gebäude – nach der dreijährigen Bauzeit „mitgelebt, mitgelitten“, direkt in Manincor. Und zum Wein, dessen Weisheit, Kraft und Seele ihn auf diesem Weg treu begleitet, seine Kreativität befeuert haben und seinen Widerspruchsgeist, den unbeugsamen. Walter Angonese hat gemeinsam mit Rainer Köberl viel in unseren Keller im Weinberg investiert und, wir wagen große Worte, damit Architekturgeschichte geschrieben.

Kurzbiografie: Geboren 1961; Architekturstudium am IUAV in Venedig. Mitarbeit im Landesdenkmalamt, Gründung von a5 Architekten in Bozen, seit 2002 eigenes Architekturbüro zwischeneppanundtramin*. 2000 TU Innsbruck (Entwerfen), seit 2006 Mitglied des Kollegiums für Landschaftschutz des Landes Südtirol, seit 2007 Professor an der Accademia di Architettura Mendrisio, zahlreiche Jurien im In- und Ausland.
*zit. Walter Angonese