Manincor

20 Jahre

20 Jahre Manincor. Eine kurze Geschichte zum langen Aufbau.

Reden wir von damals und davon, wie aus damals heute wurde. Weißt Du noch? Erinnerst Du Dich? In 20 Jahren wächst eine neue Generation heran; nach 20 Jahren kann man schon einmal ein Resümee ziehen.

Zum Mittagessen (hausgemachte Gnocchi mit Salbeiblättern aus dem Garten und Steinpilzen) bei Familie Goëss-Enzenberg: Gräfin Sophie, Graf Michael und Kassian sind anwesend. Und später ein Gespräch mit dem Weingutsdirektor Helmuth Zozin. Erinnerungen an die selbst geschriebene Geschichte des Weinguts, an Fakten, Ereignisse, persönliche Erlebnisse.

Der Anfang. Es gibt ihn eigentlich nicht. Oder besser: Es gibt nicht einen Anfang. Vielmehr sind es Gedankensplitter, Entwicklungen, Schicksalsfäden, die sich langsam aufeinander zubewegen. Hier und da eine Berührung, dann ein Erkennen, ein Verdichten und schließlich Verweben. Michael Graf Goëss-Enzenberg weiß schon als junger Mann, dass er als Adoptivsohn seines Onkels nach Südtirol gehen und Manincor übernehmen wird. Das Weingut produziert zum Zeitpunkt, als er ankommt, wunderbare Trauben und liefert alle an die Genossenschaften in Kaltern und Terlan. Eigenen Wein gibt es nicht. 1987 ist es soweit: Graf Michael kommt an. Die Theorie des Weinmachens hat er in Geisenheim gelernt, Kurse und Ausbildungen am Bodensee, in den USA und an der Landwirtschaftsschule in San Michele folgen. Es ist die Zeit der Praktika, in Süd­tirol und in den USA. Außerdem noch ein Italienischkurs in Florenz.

Vier Jahre später: Gräfin Sophie kommt nach Südtirol. Ein großer Schritt für die junge Frau, die in Wien aufgewachsen ist. Von der großen Stadt mit ihren internationalen Einflüssen aufs Land! Ganz leicht kann das nicht gewesen sein. Aber die Liebe, die Liebe! – Und obendrein die wunderschöne Landschaft, der See, die Berge, die Hügel voller Wein, eine Gegend, die ein gutes Leben verspricht. Ein idealer Ort für eine Familie. Zu zweit also sind sie, als sie beginnen, Manincor aus einem – Pardon, es liegt zu nahe – Dornröschenschlaf zu küssen. Zu zweit, und bald schon werden sie zu dritt sein.

Sophie baut das Nest. Manincor ist da schon fast 400 Jahre alt, es gibt viel zu tun, um die Räume bereit zu machen für das Familienleben mit einem Baby. Noch hat sie Zeit um sich in ihr Leben an diesem neuen Ort einzufühlen, um die Stimmung zu erspüren, zu ergründen was den Ort besonders macht.Zugleich im Weinkeller: Graf Michael liefert schon seit er in Manincor angekommen ist, nicht mehr alle Trauben an die Genossenschaften. Seit 1987 stehen eigene Barriques im Keller. Er probiert, experimentiert, macht sich vertraut mit den Lagen, Böden, klimatischen Verhältnissen, mit der Geschichte, mit den Menschen. Mit dem Terroir. Etwa 300 Jahre schon wird zu diesem Zeitpunkt in Manincor Wein angebaut, wie historische Zeugnisse belegen. Seit 1689 gibt es enzenbergische Kellereien in Kaltern, Terlan und Schwaz in Tirol. 1977 erwacht das Qualitätsdenken, und vielerorts beginnt man, selbst Wein in Flaschen zu füllen „imbottigliato al origine“. Der Zeitpunkt ist kein guter. Die Weinwirtschaft in vielen Ländern Europas hat mit Qualitäts- und Imageproblemen zu kämpfen. Auch bei den Grafen Enzenberg wird die Weinproduktion eingestellt. Knapp 20 Jahre lang sollte die Pause währen.

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Die Entscheidung. Was geschieht dann, genauer im Jahr 1996? Immer öfter stellt sich die Frage: Wie soll es mit Manincor weitergehen? Es verdichten sich Anzeichen, und schließlich fällt die Entscheidung: Manincor wird in Zukunft wieder selbst Wein machen. Graf und Gräfin haben große Lust auf diese Aufgabe. Und dazu ordentlich Mut. Der Grundstein ist gelegt. 1996 wird der erste Jahrgang sein und zugleich das Gründungsjahr des Weinguts Manincor. Sechs Weine werden abgefüllt: Kalterersee, Moscato Giallo, Weißburgunder, Sophie, Mason, Cassiano. Im Keller folgen Investitionen und die ersten Angestellten, die es braucht für einen professionellen Betrieb. Der Start ist eine große Herausforderung: 1996 ist ein schwieriges Weinjahr; 1997 wird dagegen ein sehr gutes Jahr mit Weinen, die in der Öffentlichkeit Anerkennung finden. Die Produktion beträgt zu diesem Zeitpunkt 30.000 Flaschen, heute sind es nach einer kontinuierlichen Steigerung der Qualität, der Bekanntheit, der Menge zehnmal so viele.

Graf Michael weiß: „Niemand wartet auf Dich. Du musst Aufmerksamkeit gewinnen, durch Qualität überzeugen, Dir einen Platz schaffen. Es gibt viele gute Weine.“ Und die Ansprüche der Genusswelt sind hoch. Viele Aufgaben zugleich sind zu bewältigen. Während noch an der Stilistik der Weine gefeilt wird, fahren Graf und Gräfin 1997 auf ihre erste Weinmesse, die Vinitaly, nach Verona. Da stehen sie, mit ihren Weinen an einem Tisch im Südtiroler Gemeinschaftsmessestand und knüpfen unermüdlich Kontakte zu Vinotheken, Weinhändlern, Fachleuten aus der Gastronomie. Erzählen, wer man ist, was man vorhat, Wein probieren lassen, Kontakte notieren … eine Aufbauarbeit in tausend kleinen Schritten.

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Es regt sich, es wächst. Allerorten! In der Familie: Der ersten Tochter folgt die zweite Tochter, dieser ein Sohn. Gräfin Sophie geht auf in der Familienarbeit, kümmert sich in Haus und Garten um jedes Detail, übernimmt soziale Verantwortung in Elternräten in Kindergarten und Schulen, in Vereinen, in der Pfarre. Besonders wichtig ist ihr die Gesundheit – und zwar ganzheitlich gesehen. „Der Kinderarzt kannte unsere Kinder lange Zeit nur vom Hörensagen.“ Wenn jemand im Haus erkrankt, eine Verletzung hat oder eine Stärkung braucht, Sophie wird herausfinden, welche Pflanze, Salbe, Tropfen, Globuli die richtigen sind. Verordnet Bäder, Güsse, Wickel, und sehr oft viel Ruhe. Garniert mit Liebe und Zuwendung und natürlich dem richtigen Essen. Zur gleichen Zeit pflanzt Graf Michael neue Reben und pflegt die Weinberge, fast ebenso zarte Gewächse wie die Kinder. Zuviel Regen macht ihnen Stress, zuviel Trockenheit ebenso, sie brauchen Nährstoffe, Sonne und ebenso: Liebe und Zuwendung.

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Wie der Wein zu den Menschen kommt. Die Weinmenge steigt, der Vertrieb wächst parallel: Fokus sind zunächst Kunden in Südtirol, die Manincor vielleicht schon kennen und entsprechend neugierig sind. Dann Italien, was nahe liegt, und Deutschland (die Feriengäste sind gute Weinbotschafter). Die USA und Österreich sind weitere Zielgebiete; die USA weil es aus Imagegründen wichtig ist, dort präsent zu sein, Österreich ist Nachbar und Geburtsland von Sophie und Michael. Die Hauptmärkte haben sich bis heute nicht verändert; viele sind aber dazugekommen. Manche von ihnen unglaublich: Peru, Paris, Hong Kong … Vorhersagen und planen lässt sich so etwas nicht, sie sind ganz plötzlich einfach da. Das Muster geht in etwa so: Ein Weingenießer mit Kontakten zur Gastroszene, verbringt irgendwo auf der Welt einen Abend mit gutem Essen und schönen Weinen – und einer davon ist von Manincor. An diesem Abend passt alles zusammen; die Folge davon (manchmal): Das Telefon in Manincor läutet, jemand spricht Englisch mit spanischem, französischem oder undefinierbarem Akzent und möchte Informationen zu den Weinen. Oft genug der Beginn einer wunder­baren Partnerschaft. Die Qualität der Beziehung zu den Partnern ist das alles Entscheidende, weniger der Ort, wo sie ihren Sitz haben.

Vom ersten Tag an gibt es Ab-Hof-Verkauf; zu Beginn wird dort – noch mit einer alten Kasse – der meiste Wein verkauft. Und der Detailverkauf bleibt bis heute ein wichtiger Ort für alle Besucherinnen und Besucher. Man kommt ins Gespräch, probiert Manincor Weine, entdeckt Allerhand, wie die Rebtränen-Kosmetik oder die Marillenmarmelade, gekocht von Gräfin Sophie aus eigenen Marillen aus dem hochgelegenen Ahrntal. Graf und Gräfin kümmern sich hingebungsvoll um ihre Schutzbefohlenen, die Kinder und die Weinreben. Familie und Weingut entwickeln sich. Die Aufgaben werden immer klarer verteilt. Gräfin Sophie übernimmt die meisten Führungen. Mit Begeisterung und Schwung begleitet sie Gruppen durch Keller und Weinberg, erzählt von der Geschichte, der Architektur, vom Wein, von Hühnern und Schafen, von Bienen und Blumen. Man spürt die Verbundenheit zum Haus, zum Unternehmen, zum Land. Abends, wenn es ruhig(er) wird in Manincor, sitzen Graf und Gräfin beisammen, bestimmt oft bei einem Glas Wein, und reden über alles, was der Tag gebracht hat, finden Lösungen, helfen und inspirieren einander.

2002 fahren die Bagger auf. Es war Zeit geworden für eine Modernisierung des Kellers. Eineinhalb Jahre Bauzeit prägen die Arbeit im Unternehmen und in der Familie bis heute, alle erinnern sich. Die Erwachsenen an die Belastung auf einer Baustelle zu leben und zu arbeiten, Sohn Kassian an den wunderbaren Abenteuerspielplatz mit so vielen Steinen, dass er sich „steinreich“ vorkam. Im April 2004 wird der von den Architekten Walter Angonese und Rainer Köberl geplante „Keller im Weinberg“ eröffnet. Seither ist viel über ihn gesprochen und geschrieben worden, seinen zehnten Geburtstag hat er schon hinter sich, zahllose Belastungs- und Bewährungsproben bestanden. Ein großer, mutiger Schritt, mit einem Mal zeigen 2004 die Scheinwerfer der Öffentlichkeit auf das Weingut.

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Von Bienen und Blumen. Von Beginn an sprechen Graf und Gräfin immer wieder über Biodynamie. Sie entspricht vollkommen ihrer Lebenseinstellung, die geprägt ist von Dankbarkeit für die Geschenke der Natur und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Der Entschluss reift: Die Weinproduktion wird ab 2005 umgestellt, 2006 ist das erste vollkommen biodynamische Weinjahr. 2009 sind nach drei Jahren Umstellungsphase alle Weine zertifiziert. 2007 gründet Manincor gemeinsam mit einigen befreundeten Winzer­kollegen die Gruppe „respekt“, um biodynamisch einen nachhaltigen Weg zu authentischer Qualität zu finden. Eine Herausforderung für alle: Viele können nicht daran glauben, dass die biodynamische Bewirtschaftung erfolgreich sein würde. Graf und Gräfin bleiben dabei. 2008 – die Umstellung ist fast vollzogen – wird mit dem Önologen Helmuth Zozin ein Weingutsdirektor ins Haus geholt. Die Suche nach der richtigen Person für diese wichtige Position war weltweit ausgerichtet, gefunden hat man sie dann direkt vor Ort.

„Man muss warten können, man kann nichts erzwingen – vor allem, wenn die Natur eine wesentliche Rolle spielt.“ Mit dieser Einstellung geht Helmuth Zozin an seine Aufgabe heran: den Betrieb professionell organisieren, die natür­lichen Prozesse begleiten, sich auf die Stärken konzentrieren, das alles mit einem Team, das heute 15 Personen umfasst, zu Erntezeiten natürlich weit mehr. Manincor und seine Weine haben heute ein klares Profil: Es sind „elegante, feine Weine“. Zu tun gibt es jedoch ständig. Die Qualität kann man immer noch steigern; die Produktion kann weiter verfeinert und noch nachhaltiger werden; Partnerschaften sollen gefestigt und ausgebaut werden; das Unternehmen möchte ein guter Arbeitsplatz für seine Mitarbeiter sein. Visionen, die weit über eine Generation hinausreichen.

Während der letzten Ernte hat der mit 20 Jahren jüngste Spross des Hauses, Kassian, in einem befreundeten biodynamischen Betrieb in der Toscana ein Praktikum absolviert. Im Herbst hat er dann erstmals mit Graf Michael Kunden in den USA besucht. Seinen Weg in das Unternehmen hat Kassian also begonnen, eigentlich aber schon vor vielen Jahren: „Zur Schule sind wir durch die Weinberge gegangen, das habe ich immer geliebt.“ Nach seinem Studium in den USA wird er nach Südtirol zurückkommen, der Ort, an dem er sich ein Leben gut vorstellen kann, zu einer Aufgabe, auf die er sich freut. Bis dahin dauert es noch eine gute Weile. Gräfin Sophie und Graf Michael werden inzwischen noch viele Trauben auf ihrem Weg in die Manincor-Flasche und ins Glas und Menschen durch das Weingut begleiten.